Stromautarkie bis zum letzten Tropfen?

Kraftwerksbau am Arundabach in der Gemeinde MalsAutarkie (von griechisch αὐτάρκεια autárkeia‚ Selbstgenügsamkeit, Selbständigkeit‘) im allgemeinen Sinne bedeutet, dass Organisationseinheiten oder Ökosysxteme alles, was sie ver- oder gebrauchen, aus eigenen Ressourcen selbst erzeugen oder herstellen. (Quelle: Wikipedia)

Im Energieleitplan der Marktgemeinde Mals ist festgeschrieben, dass die Wasserkraft unter Bedacht der vielfältigen ökologischen und gesellschaftlichen Funktionen des Wassers ausgebaut werden soll. Priorität haben dabei Projekte, die einen Beitrag zur lokalen Energieautarkie leisten. Auch im Zuge der Diskussion um die Nutzung des letzten naturnahen Talflusses in Südtirol, des Rambaches, wurde von Gemeindevertretern auch das Argument der Autarkie angeführt. Die Umweltschutzgruppe Vinschgau hat sich immer für eine lokale Stromversorgung aus erneuerbaren Energiequellen eingesetzt. Dieses Argument kann jedoch nicht für den grenzenlosen Ausbau der Wasserkraft und für die Zerstörung unserer letzten Fliessgewässer mißbraucht werden. In Südtirol werden rund 60 Prozent der gesamten Stromproduktion exportiert. Auch im Vinschgau und in der Gemeinde Mals ist die Situation mittlerweile so, dass mehr produziert als verbraucht wird. Es gibt kein Produktionsproblem sondern ein Verteilungs- und Beteiligungsproblem. Nachdem der politische Wille zur Lösung des Verteilungsproblems noch immer nicht vorhanden ist, versuchen Gemeinden, Eigenverwaltungen, Private usw. sich noch die letzten übrig gebliebenen Wasserresourcen unter den Nagel zu reißen. Der Bevölkerung wird noch immer vorgetäuscht, man brauche neue Wasserkraftwerke um den Strombedarf zu decken, oder um der Bevölkerung eine kostengünstige Stromversorgung zu gewährleisten. Tatsache ist, dass die Produktion den Strombedarf bei weitem überschreitet und dass man der Bevölkerung heute schon günstigeren Strom anbieten könnte, wenn man möchte. Tatsache ist auch, dass sehr viele Erlöse aus dem Stromverkauf zweckentfremdet werden, anstatt in die Effizienzsteigerung, Stromeinsparung, Modernisierung und Weiterentwicklung der Energieversorgung investiert zu werden. Wenige Leute entscheiden darüber, was mit den riesigen Summen an Stromerlösen effektiv gemacht wird, die einzelnen Bürger haben noch immer zu wenig davon, weil die Politik kein Interesse hat, günstigen Strom zu verkaufen, sondern damit ein gutes Geschäft zu machen. Den Interessenskonflikt zwischen Geschäftemacherei und Naturschutz gibt es nicht nur auf Landesebene, sondern ebenso auf Gemeindeebene.

Auch die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA stellt in ihrem Hintergrundbericht „Wasser im Klimawandel“ fest, dass der Klimaschutz kein Freibrief für die grenzenlose Ausbeutung der letzten intakten Fliessgewässer ist. Die CIPRA fodert deshalb: Effizienzsteigerung statt Naturzerstörung! Bereits über 90 Prozent der Fliessgewässer in den Alpen sind verschmutzt und/oder verbaut.

Compact Nr. 02/2011 „Wasser im Klimawandel“ CIPRA

Grundsätzlich ist zu unterscheiden, ob man von einer Energieautarkie im allgemeinen oder von einer Stromautarkie spricht. Es handelt sich in der Tat um zwei verschiedene Aspekte. Die Energieautarkie umfasst nicht nur den Strombereich sondern auch den thermischen.

Laut Angaben des Malser Energieleitplanes schätzt man den Gesamt-Stromverbrauches auf ca. 21 Millionen kWh. Es handelt sich dabei um eine grobe Schätzung, eine Berechnung der SELnet hat ergeben, dass der Jahres-Stromverbrauch der Gemeinde Mals bei ca. 17 Millionen kWh liegt.

„Der Energieleitplan für die Marktgemeinde Mals“

Stromautarkie bedeutet, dass der eigene Stromverbrauch auch selber produziert wird. Immer laut Angaben des Energieleitplanes der Gemeinde Mals besitzt die Gemeinde bereits mehrere Beteiligungen an Stromkraftwerken. Einige Kraftwerke sind in der Genehmigungsphase, einige im Bau.

Stromproduktion/Beteiligungen lt. Energieleitplan der Gemeinde Mals:

Wasserkraftanlagen  – Status der Anlage  –  Anteil der Gemeinde/Jahr

3 Anlagen inkl. SEL Edison-Werk – in Betrieb – 11 Millionen kWh

Arundabach – in Bau – 3,2 Millionen kWh

Zerzerbach – in Bau – 2,6 Millionen kWh

Puni – in Betrieb – 7,6 Millionen kWh

Metzbach – Genehmigungsphase – 1,3 Millionen kWh

Saldurbach – Baubeginn 2013 – 9,0 Millionen kWh
Tageszeitung Dolomiten vom 27.11.12 „In Matsch wird ein E-Werk gebaut“

Rambach – Genehmigungsphase – 5,5 Millionen kWh

Trinkwasserkraftwerk Schleis/Laatsch – in Bau – 0,65 Millionen kWh

Trinkwasserkraftwerk Mals/Planeil – Planung – 0,70 Millionen kWh

Gesamt-Stromproduktion: 41,55 Millionen kWh (inkl. Rambach)

dem gegenüber steht ein Verbrauch von ca. 17-21 Millionen kWh

Man muss sich aufgrund dieser Zahlen die Frage stellen, wann der Ausbau der Wasserkraft in der Gemeinde Mals ihren Höhepunkt erreicht hat und wann man im Sinne der Stromautarkie genug hat? Dass man die Stromautarkie bereits erreicht und in der Abschlussphase mehr als das Doppelte produziert als man verbraucht, liegt auf der Hand. Soll die Wasserkraft bis auf den letzten Tropfen ausgenutzt werden? Kann sich das reiche Land Südtirol nicht einen einzigen naturnahen Bach leisten, der nicht zur Stromproduktion verbaut wird? Auch wenn man immer wieder auf die angeblich scharfen Restwasser-Vorschriften in Südtirol hinweist, so darf man sich nicht davon täuschen lassen. Die Erfahrungen zeigen auf, dass diese Restwassermengen immer wieder Anstoß für Streitereien sind und nicht immer eingehalten werden.

Mals leben / Energie leben Spatenstich Energie aus dem Planeiltal

Neue Südtiroler Tageszeitung vom 12.12.2012: „Stromautarkie bis zum letzten Tropfen?“

Wir haben nicht nur eine globale Verantwortung für den Klimawandel, sondern auch eine globale Verantwortung für den Schutz des letzten naturnahen Talflusses in Südtirol, des Rambaches!

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Ein Gedanke zu „Stromautarkie bis zum letzten Tropfen?

  1. Autarkie geht mir gut bei Obst und Gemüse, das ich im eigenen Garten erzeugen und konsumieren kann, ohne dass mir jemand was vorschreiben oder die Produktion besteuern kann.
    Autarkie wird im Energiesektor nicht gelingen, nicht mit der neuen SEL und mit der alten schon gar nicht. Ich war nie ganz einverstanden mit dem Wunderer Georg, wenn er seine sicher edlen Vorhaben unter diesen Slogan steckt. Die Tagung in Prad hätte ich als USGV nicht mitgetragen.

    Bei der Energie geht es um zuviel Geld, als dass jemand eine Autarkie durchsetzen und beibehalten könnte.
    Ein kleines Beispiel ist das Spiel mit der Gemeindenfinanzierung. Die Kassen der Gemeinden sind leer und dieser Zustand ist in erster Linie auf die Landespolitik zurückzuführen. Also kann indirekt die SEL unterstützt werden, indem man den Gemeinden die Einnahmen aus der Energiegewinnung durch Kürzung anderer Zuschüsse wieder zunichte macht. Durnwalder ist da ein Spezialist und der oder die Neue wird es auch lernen. Dazu kommt noch das Problem mit der Verteilung. Dass Produktion und Verteilung von national auf regional umgestellt werden soll, ist richtig und notwendig. Dass deshalb ein gesunder Mix in der Produktion notwendig wird, um Spitzenzeiten und Preisniveau zu decken, liegt auf der Hand. Aber von Autarkie zu sprechen, ist einfach überheblich und selbsttäuschend. Ich ware zu behaupten, im Energiesektor und auf seinem Markt gibt es keine Autarkie.
    Noch eine kleine Bemerkung: Im Falle der Gemeinde Mals, wo die Einnahmen aus der Stromproduktion zum Großteil für die Abdeckung der Defizite der Watles AG verwendet werden sollen, werden die Bürger selbst bei einer sogenannten Autarkie wenig abbekommen bezüglich
    Strompreisreduzierung. Doch Einnahmen sind eben Einnahmen und darum geht es letztlich und sonst um gar nichts.
    Sebastian Felderer – ehemaliger Vorsitzender der USGV

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